
Ein türkischer Lieferant schickt den Vertrag zurück, unten ein Firmenstempel, aber keine Unterschrift. Oder ein Schreiben einer türkischen Behörde trägt ein Siegel, das anders aussieht als beim letzten Mal. Im türkischen Geschäftsleben gibt es zwei Wörter, kaşe und mühür, die beide mit “Stempel” oder “Siegel” übersetzt werden. Das Gesetz weist ihnen aber verschiedene Rollen zu und bestraft ihre Fälschung unterschiedlich. Hier lesen Sie, was ein Firmenstempel in der Türkei beweist, wann ein Siegel die Unterschrift ersetzt und wie ein Sachverständiger einen echten von einem gefälschten Abdruck unterscheidet.
Das Wichtigste
- Der kaşe ist ein Gummi- oder Polymerstempel mit Name oder Firma, Anschrift und Steuerdaten. Allein ersetzt er keine Unterschrift.
- Mühür hat im türkischen Recht drei Bedeutungen: das Dienstsiegel einer Behörde, das Siegel zum Verschließen von Räumen oder Sachen und das genehmigte Siegel einer Person, die nicht unterschreiben kann.
- Die Unterschrift muss eigenhändig sein (Art. 15 türk. Obligationengesetz, TBK). Nur wer nicht unterschreiben kann, darf ein ordnungsgemäß beglaubigtes Siegel verwenden (Art. 16 TBK).
- Zeichnungsberechtigte einer Aktiengesellschaft unterschreiben unter der Firma der Gesellschaft (Art. 372 türk. Handelsgesetzbuch, TTK). In der Praxis wird die Firma meist gestempelt.
- Rechtsstand: 21. Oktober 2026.
Was unterscheidet kaşe und mühür in der Türkei?
Der kaşe weist aus, der mühür bestätigt oder verschließt meistens. Der kaşe ist der alltägliche Firmenstempel. Händler, Unternehmen, Ärzte und Freiberufler drucken damit Name oder Firma, Anschrift, Finanzamt und Steuernummer auf Rechnungen, Lieferscheine und Verträge. Er sagt, wem das Dokument gehört. Dass jemand etwas zugestimmt hat, zeigt er nicht.
Was mühür rechtlich bedeutet, hängt vom Zusammenhang ab. Das Strafgesetzbuch spricht vom “bestätigenden oder beurkundenden Siegel” öffentlicher Stellen und öffentlich-rechtlicher Berufsorganisationen. Das Siegel an einer Ladentür oder an beschlagnahmten Sachen ist etwas anderes. Und das Obligationengesetz nennt den mühür unter den Zeichen, die jemand, der nicht schreiben kann, statt einer Unterschrift verwenden darf.
Ist ein gestempelter, aber nicht unterschriebener Vertrag wirksam?
Wo Schriftform vorgeschrieben ist, in der Regel nicht. Nach dem türkischen Obligationengesetz muss ein schriftlich abzuschließender Vertrag die Unterschrift derjenigen tragen, die sich verpflichten, und die Unterschrift muss eigenhändig sein1. Eine auf andere Weise hergestellte Unterschrift genügt nur, wo die Verkehrssitte sie anerkennt, insbesondere bei Wertpapieren, die in großer Zahl ausgegeben werden. Der Stempel füllt diese Lücke nicht: Er zeigt, in wessen Namen das Dokument ausgestellt wurde, nicht, wer sich verpflichtet hat.
Bei Gesellschaften gilt dasselbe. Art. 372 des türkischen Handelsgesetzbuchs verlangt, dass die Zeichnungsberechtigten einer Aktiengesellschaft unter der Firma der Gesellschaft unterschreiben2. Von einem Stempel spricht das Gesetz nicht; es verlangt die Firma zusammen mit der Unterschrift. In der Praxis wird die Firma gestempelt und darüber unterschrieben. Ob die Unterschrift neben dem Stempel wirklich von einem Zeichnungsberechtigten stammt, ist eine eigene Frage und Gegenstand der Unterschriftenprüfung. Warum die eigenhändige Unterschrift weiterhin zählt, lesen Sie unter Was ist eine eigenhändige Unterschrift?
Für deutsche Unternehmen heißt das praktisch: Prüfen Sie, wer zeichnen darf. Türkische Gesellschaften legen üblicherweise einen imza sirküleri vor, ein notariell beglaubigtes Unterschriftenverzeichnis, aus dem hervorgeht, wer allein oder gemeinsam für die Gesellschaft unterschreiben darf. Lassen Sie es sich vor einem wichtigen Vertrag geben und vergleichen Sie die Unterschrift im Vertrag mit der im Verzeichnis.
Wann ersetzt ein Siegel nach türkischem Recht die Unterschrift?
Nur bei Personen, die nicht unterschreiben können. Nach Art. 16 des Obligationengesetzes dürfen sie statt der Unterschrift einen Fingerabdruck, ein handgefertigtes Zeichen oder ein Siegel verwenden, sofern dieses ordnungsgemäß beglaubigt ist; die Vorschriften über Wechsel, Schecks und Solawechsel bleiben vorbehalten1. Gedacht ist die Regel für Menschen, die nicht lesen und schreiben oder ihre Hände nicht gebrauchen können. Wer unterschreiben kann, ersetzt die Unterschrift nicht durch ein Siegel.
Wird die Fälschung von Stempel und Siegel gleich bestraft?
Nein. Wer das bestätigende oder beurkundende Siegel einer öffentlichen Stelle oder einer öffentlich-rechtlichen Berufsorganisation fälscht oder verwendet, wird nach Art. 202 Abs. 2 des türkischen Strafgesetzbuchs mit einem bis sechs Jahren Freiheitsstrafe bestraft; bei Siegeln des Präsidialamts und des Parlamentspräsidiums mit zwei bis acht Jahren3. Da schon die Herstellung strafbar ist, greift die Strafe auch dann, wenn das Siegel nie auf einem Dokument verwendet wurde.
Wird ein gefälschter Stempel oder ein gefälschtes Siegel auf einem Dokument verwendet, gelten die Vorschriften über Urkundenfälschung: zwei bis fünf Jahre bei einer öffentlichen Urkunde (Art. 204 Abs. 1), ein bis drei Jahre bei einer Privaturkunde (Art. 207 Abs. 1). Das Entfernen eines gerichtlich oder behördlich angebrachten Siegels ist ein eigener Tatbestand, der Siegelbruch nach Art. 203. Einen Überblick über die Fälschungsarten gibt unser Ratgeber zu Urkundenfälschung und Verfälschung.
Wie erkennt man einen gefälschten Stempelabdruck?
Durch den Vergleich mit Abdrücken, die sicher vom echten Stempel stammen. Jeder Stempel bekommt mit der Zeit eigene Abnutzungen, Kerben und Verschmutzungen. Abdrücke des echten Stempels zeigen diese Fehler an denselben Stellen; ein mit gleichem Text neu angefertigter Stempel zeigt sie nicht, auch wenn die Schrift gleich aussieht. Typische Befunde:
- Nachgefertigter Stempel. Ein nach dem Foto eines echten Abdrucks hergestellter Stempel weicht in Strichstärke, Randlinie und Abständen geringfügig ab.
- Gedruckter Stempel. Toner- oder Tintenstrahlpunkte statt Stempelfarbe, ohne Farbverlauf und ohne Randanreicherung. Das ist Gegenstand der Untersuchung von Druckerzeugnissen.
- Digital kopierter Abdruck. Ein am Computer eingefügter Stempel sieht auf mehreren Dokumenten pixelgleich aus; zwei echte Abdrücke sind nie völlig identisch.
- Stempel aus der falschen Zeit. Hat die Gesellschaft Anschrift oder Firma geändert, fällt ein neuer Stempel auf einem älteren Dokument auf.
Für einen belastbaren Vergleich braucht es Abdrücke aus derselben Zeit, die sicher vom selben Stempel stammen, etwa Rechnungen, Lieferscheine oder Schreiben an Behörden. Warum das Vergleichsmaterial so viel entscheidet, erklärt unser Beitrag über Vergleichsschriften. Die Methoden beschreiben wir auf der Seite Stempel- und Siegelprüfung.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Die Vorschriften sind nach dem Stand des türkischen Obligationengesetzes, Handelsgesetzbuchs und Strafgesetzbuchs vom 21. Oktober 2026 wiedergegeben.
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Istanbul · Ankara · Adana
Quellen
- Türkisches Obligationengesetz Nr. 6098, Art. 14, 15, 16. mevzuat.gov.tr
- Türkisches Handelsgesetzbuch Nr. 6102, Art. 372. mevzuat.gov.tr
- Türkisches Strafgesetzbuch Nr. 5237, Art. 202, 203, 204, 207. mevzuat.gov.tr
Häufige Fragen
Ersetzt ein Firmenstempel in der Türkei die Unterschrift?
Nein. Wo Schriftform vorgeschrieben ist, muss der Verpflichtete eigenhändig unterschreiben (Art. 14, 15 TBK). Der Stempel zeigt, in wessen Namen das Dokument ausgestellt wurde, nicht, wer sich verpflichtet hat.
Wann genügt nach türkischem Recht ein Siegel?
Nur bei Personen, die nicht unterschreiben können, und nur wenn das Siegel ordnungsgemäß beglaubigt ist (Art. 16 TBK). Die Vorschriften über Wechsel, Schecks und Solawechsel bleiben vorbehalten.
Wie prüfe ich, wer für eine türkische Gesellschaft zeichnen darf?
Lassen Sie sich den imza sirküleri geben, ein notariell beglaubigtes Unterschriftenverzeichnis, aus dem hervorgeht, wer allein oder gemeinsam zeichnen darf, und vergleichen Sie die Unterschrift im Vertrag damit.




