
Fragen wie die, ob eine Unterschrift tatsächlich von ihrem angeblichen Urheber stammt, ob eine Handschrift einer bestimmten Person zuzuordnen ist oder ob ein Dokument nachträglich verändert wurde, lassen sich nicht durch eine einfache Begutachtung mit bloßem Auge beantworten. Die forensische Urkundenuntersuchung ist ein umfassendes Verfahren, in dem wissenschaftliche Methoden, technische Analysen und sachverständige Bewertungen zusammenkommen. Auch wenn jedes Dokument seine eigenen Merkmale aufweist, besteht die Untersuchung in der Regel aus bestimmten Phasen. In diesem Beitrag stellen wir die fünf Phasen der forensischen Urkundenuntersuchung und die jeweils angewandten wissenschaftlichen Methoden vor. Zu den Grundbegriffen lesen Sie auch unseren Beitrag Was ist forensische Urkundenuntersuchung?
1. Übergabe des Dokuments und Vorprüfung
Die Untersuchung beginnt, sobald das Dokument oder Abbildungen davon den Sachverständigen erreichen. Dies kann durch die physische Übergabe des Dokuments geschehen oder auf der Grundlage hochauflösender Scans und Fotos, die für eine Vorprüfung übermittelt werden. In manchen Fällen erfolgt die Untersuchung vor Ort an Originaldokumenten, die sich bei einem Gericht, in einem Justizgebäude oder bei einer Behörde befinden. In dieser Phase werden das Gesamtbild des Dokuments, der Zustand von Schrift und Unterschriften, mögliche Anzeichen einer Manipulation sowie das benötigte Vergleichsmaterial bewertet. Eine Vorprüfung ist zwar anhand digitaler Bilder möglich, in Fällen, die eine eingehende Analyse erfordern, liefert die Untersuchung des Originals jedoch ein umfassenderes Ergebnis.
2. Beschaffung von Vergleichsmaterial
Um bei Unterschriften- und Handschriftenuntersuchungen zu einem zutreffenden Ergebnis zu kommen, ist ausreichendes Vergleichsmaterial erforderlich. Daher werden im Termin abgegebene Schriftproben, Unterschriften aus verschiedenen Zeiträumen, handschriftliche Dokumente, amtliche Unterlagen sowie Bank- und Notarurkunden gesammelt. Besonders wertvoll sind unbefangene Vergleichsschriften, die die Person im Alltag auf natürliche Weise angefertigt hat. Unzureichendes Material kann den Umfang der Untersuchung und die Aussagekraft des Ergebnisses unmittelbar beeinträchtigen; deshalb gehört die Bedeutung von Vergleichsmaterial in der forensischen Untersuchung zu den entscheidenden Faktoren des Verfahrens.
Die forensische Urkundenuntersuchung in 5 Phasen
Das Dokument wird physisch oder digital übergeben und einer ersten Prüfung unterzogen.
Für den Vergleich werden ausreichende und natürliche Unterschriften- und Schriftproben beschafft.
25–30 technische Parameter in Unterschrift und Schrift werden gemeinsam analysiert.
Mit Forenscope DocEx, VSC und UV/IR werden verborgene Details sichtbar gemacht.
Die Befunde werden mit Abbildungen belegt und in einem Privatgutachten zusammengefasst.
3. Technischer Vergleich von Schrift und Unterschriften
Sobald das Vergleichsmaterial vorliegt, beginnt der Sachverständige mit der eingehenden Analyse. Bei Unterschriftenprüfungen werden 25–30 Parameter untersucht, etwa Strichqualität, Bewegungsfluss, Schreibdruck, Anfangs- und Endstriche, Geschwindigkeit, Rhythmus, charakteristische Gewohnheiten und natürliche Variationen. Beim Handschriftenvergleich werden Buchstabenformen, Verbindungen zwischen den Buchstaben, Wort- und Zeilenabstände, Neigung, Schreibrhythmus sowie Größen- und Proportionsverhältnisse bewertet. Je nach Art des Dokuments und Untersuchungsgegenstand betrachtet der Sachverständige zahlreiche technische Parameter gemeinsam, um die charakteristischen Merkmale von Schrift und Unterschrift herauszuarbeiten. Diese Phase ist sowohl für die Unterschriftenprüfung als auch für den Handschriftenvergleich entscheidend.
Die forensische Urkundenuntersuchung erfordert Methoden, die mit wissenschaftlichen Grundsätzen wie den international anerkannten SWGDOC-Standards für die forensische Urkundenuntersuchung vereinbar sind; so bleiben die Befunde reproduzierbar und überprüfbar.4. Labor- und optische Untersuchung
In manchen Fällen reicht ein Vergleich von Schrift und Unterschriften nicht aus; möglicherweise sollen Manipulationen, Radierungen, Ergänzungen, Druckunterschiede oder die Verwendung verschiedener Tinten auf dem Dokument untersucht werden. Dafür kommen Forenscope DocEx, der VSC (Video Spectral Comparator), Digitalmikroskope, UV-Licht, Infrarotuntersuchungen (IR), Schräglicht und hochauflösende Bildgebungssysteme zum Einsatz. Mit diesen Geräten lassen sich nachträgliche Ergänzungen, radierte oder verdeckte Schrift, Manipulationsspuren, die Verwendung verschiedener Stifte und physische Spuren auf dem Papier in einer mit bloßem Auge nicht sichtbaren Detailschärfe nachweisen. Die in dieser Phase eingesetzten Geräte der forensischen Urkundenuntersuchung und die Methoden der Manipulationsuntersuchung sind von großer Bedeutung.
“Ein zutreffendes Ergebnis hängt nicht von einem einzelnen Merkmal ab, sondern davon, dass 25–30 technische Parameter in Unterschrift und Schrift gemeinsam mit wissenschaftlichen Methoden bewertet werden.
5. Bewertung der Befunde und Gutachtenerstellung
In der letzten Phase der Untersuchung werden alle gewonnenen technischen Befunde zusammengeführt und bewertet. Das Gutachten enthält das untersuchte Material, die angewandten Untersuchungsmethoden, die Vergleichsdokumente, die technischen Befunde, die sachverständige Bewertung sowie einen Abschnitt mit Ergebnis und Schlussfolgerung. Je nach Untersuchungsgegenstand wird das Gutachten durch vergrößerte Abbildungen, markierte Vergleichsbereiche, mikroskopische Details und die bei der technischen Untersuchung gewonnenen Bildbefunde ergänzt. Insbesondere bei Unterschriften- und Handschriftenuntersuchungen werden vergleichende Bildtafeln verwendet, damit Übereinstimmungen und Abweichungen klar dargestellt werden können. So werden die Grundlagen der im Gutachten getroffenen Bewertungen verständlicher, systematischer und wissenschaftlich nachvollziehbar dargestellt.
Kann das Gutachten vor Gericht verwendet werden?
Das Gutachten wird auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden erstellt und hat den Charakter eines Privatgutachtens, das in Gerichtsverfahren verwendet werden kann. Gutachten, die von den Parteien nach Artikel 67 der Strafprozessordnung (CMK) Nr. 5271 und Artikel 293 der Zivilprozessordnung (HMK) Nr. 6100 eingeholt werden, werden zusammen mit den übrigen Beweismitteln der Akte gewürdigt. Näheres dazu finden Sie in unserem Beitrag Ist ein privates Gutachten zur Urkundenuntersuchung vor Gericht verwertbar?, Informationen zum Ablauf der Anfrage auf unserer Seite Privatgutachten.
Fazit
Die forensische Urkundenuntersuchung ist ein umfassendes Verfahren, das weit über den Vergleich einer Unterschrift oder einer Schrift hinausgeht und mit wissenschaftlichen Methoden und sachverständiger Bewertung durchgeführt wird. Jede Phase – von der Übergabe des Dokuments über die Beschaffung von Vergleichsmaterial und den technischen Vergleich bis zur optischen Untersuchung mit modernen Geräten – ist für ein zutreffendes Ergebnis von großer Bedeutung. Ein verlässliches Ergebnis setzt sowohl ausreichendes Vergleichsmaterial als auch eine Untersuchung nach wissenschaftlichen Standards voraus.
Häufige Fragen
Aus wie vielen Phasen besteht eine forensische Urkundenuntersuchung?
Die forensische Urkundenuntersuchung besteht in der Regel aus fünf Phasen: Übergabe des Dokuments und Vorprüfung, Beschaffung von Vergleichsmaterial, technischer Vergleich von Schrift und Unterschriften, Labor- und optische Untersuchung sowie Bewertung der Befunde und Gutachtenerstellung.
Welche Parameter werden bei einer Unterschriftenprüfung bewertet?
Bei Unterschriftenprüfungen werden 25–30 technische Parameter gemeinsam bewertet, etwa Strichqualität, Bewegungsfluss, Schreibdruck, Anfangs- und Endstriche, Geschwindigkeit, Rhythmus, charakteristische Gewohnheiten und natürliche Variationen.
Warum ist Vergleichsmaterial wichtig?
Für ein zutreffendes Ergebnis bei Unterschriften- und Handschriftenuntersuchungen ist ausreichendes und qualitativ geeignetes Vergleichsmaterial erforderlich. Besonders wertvoll sind unbefangene Schriftstücke, die die Person auf natürliche Weise angefertigt hat; unzureichendes Material mindert unmittelbar die Aussagekraft des Ergebnisses.
Ist eine forensische Urkundenuntersuchung anhand digitaler Bilder möglich?
Eine Vorprüfung kann anhand hochauflösender digitaler Bilder erfolgen. In eingehenden Fällen, die eine Manipulations- oder optische Untersuchung erfordern, liefert die Untersuchung des Originaldokuments jedoch ein umfassenderes und verlässlicheres Ergebnis.
Kann ein Gutachten zur forensischen Urkundenuntersuchung vor Gericht verwendet werden?
Ja. Ein mit wissenschaftlichen Methoden erstelltes Gutachten hat den Charakter eines Privatgutachtens; es kann nach Artikel 67 der Strafprozessordnung (CMK) und Artikel 293 der Zivilprozessordnung (HMK) von den Parteien eingeholt und zur Akte gereicht werden und wird zusammen mit den übrigen Beweismitteln gewürdigt.




